Ukázka: obraz 3

 

KARTON 3: Der Regenmantel

Ich habe ihn nicht mitgenommen, im Gegenteil, sie hat ihn hier vergessen.

Sie hat ihn hängenlassen in meiner Garderobe.

Hängenlassen, ganz richtig.

Bitte fassen Sie den Mantel nicht an.

Sie kam mich von Zeit zu Zeit besuchen, alle paar Wochen kam sie vorbei; an dem besagten Tag regnete es bei ihrer Ankunft.

Im Laufe des Nachmittags hörte es dann auf.

Wir haben den Mantel also ganz und gar vergessen.

Danach hat sie ihn nie mehr abgeholt.

Nicht anfassen.

Entschuldigung.

Bitte.

Nicht den Mantel anfassen.

Ich habe der Aufnahme des Mantels in die Sammlung zugestimmt, nicht aber dem Anfassen des Mantels durch Besucher.

Ich werde Ihnen alles von hier aus erklären.

Ihnen fällt das schwer, ich verstehe.

Impulse, den Mantel zu berühren überfallen mich ohne Unterlass. Würde ich diesen Impulsen uneingeschränkt nachgeben, wäre der Mantel bereits zerfleddert.

Nur darf man Impulsen nicht so einfach nachgeben, da stimmen Sie mir sicher zu.

Ich bitte Sie daher um einen gewissen Sicherheitsabstand dem Mantel gegenüber.

Sie kam, um mir vorzulesen.

Meine Augen sind sehr schwach inzwischen.

Das war ein Service der Gemeinde, in dessen Rahmen sich junge Leute engagieren konnten.

Sie hat geholfen, wo sie konnte.

Mir hat sie vor allem aus Biologiebüchern vorgelesen.

Klassiker aus meinem Studium.

Ich bin Evolutionsbiologe.

Versuche über Pflanzenhybriden, Die Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, das Herbarium Diluvianum.

Dann Darwin natürlich.

The Origin of Species auf Englisch und auf Deutsch.

Sie hatte eine schöne Stimme.

Ein wenig rau und immer zu leise.

Sie hat ruhig und konzentriert gelesen.

Besonders beim Herbarium hielten wir uns lange auf.

So vergingen die Nachmittage.

Oft besuchte sie mich nicht, zweimal im Monat vielleicht, wir kamen langsam voran.

Und vom Vorlesen abgesehen, haben wir uns kaum unterhalten.

Ich weiß nicht, ob sie verstand, was sie mir vorlas.

Manchmal hatte ich den Eindruck, die Materie interessiere sie.

Die Beschreibungen der Zellen.

Sie wirkte bei diesen Texten wach, fast aufgeregt.

Als hätte das Thema mit ihr zu tun, als wäre es für sie von Nutzen.

Sie schien sich öfter als gewöhnlich zu verlesen, sich länger bei einzelnen Begriffen aufzuhalten.

Sie stellte Fragen.

Aber das war sicher Einbildung.

Seit sie nicht mehr zum Vorlesen kommt, habe ich viel darüber nachgedacht.

Die Beschreibung von Zellen war immer auch eines meiner Lieblingsthemen.

Ich habe mein Interesse auf sie projiziert.

Was kann man schon wissen von anderen Menschen?

Höchstwahrscheinlich habe ich mein Interesse auf sie projiziert und ihr Lesen war rein mechanisch und nur in meiner Einbildung besonders.

Bitte kommen Sie nicht näher, bitte hören Sie mir von dort vorne weiter zu.

Wenn Sie wollen, kann ich versuchen, Ihnen die Manteloberfläche zu beschreiben.

Sie hat sich mir inzwischen auf das Genaueste eingeprägt.

Es handelt sich um einen Regenmantel aus durchsichtigem Kunststoff.

Die Mantelinnenseite ist angeraut, seine Oberfläche perfekt glatt.

Leider kann ich Ihnen nicht erlauben, selbst nachzufühlen, ich kann Ihnen nur versichern, dass die Oberfläche dieses Regenmantels glatter und perfekter ist als alles was meine Hände sonst berührt haben.

Nachfühlen lassen kann ich Sie nicht.

Sie werden mir glauben müssen.

Sie sollten mir glauben.

Die Oberfläche ist perfekt glatt.

Der Mantel ist knielang, er wird vorne durch acht metallene Druckknöpfe geschlossen. An den Kragen schließt eine Kapuze an, die sich mit einer Kordel aus Kunstfaser zuknoten lässt.

Die Enden der Kordel sind zusammengebunden, damit sie nicht durch die Schlaufe am Kragenunteren rutschen.

Sehen Sie.

An dieser Schlaufe hänge ich besonders.

Sobald ich sie sehe, erinnere ich mich an ihre Stimme.

Diese Schlaufe ist, wenn Sie erlauben, die Seele des Regenmantels.

Sie ist ganz fein, fast übersieht man sie.

Wenn man den Mantel gegen das Licht hält, bricht es und man sieht ein Farbspektrum.

Selbst ich mit meinen schlechten Augen.

Sehen Sie.

Er hängt weiter bei mir in der Garderobe.

Genau dort, wo sie ihn vergessen hat.

Absichtlich vergessen hat, wie ich jetzt glaube.

Sie wusste, dass sie nicht wiederkommen würde, deswegen hat sie mir ihren Mantel geschenkt.

Sie war müde.

Seine Anwesenheit für ihre Abwesenheit.

Ich bemühe mich, ihn nicht zu oft zu berühren.

Von Zeit zu Zeit staube ich ihn ab.

Sehr vorsichtig.

Ich benutze ein Mikrofasertuch für diese Arbeit.

Glücklicherweise zerfällt Kunststoff nie.

Alles löst sich auf, selbst Erinnerungen, Kunststoff aber bleibt.

Wenn ich den Mantel nicht allzu sehr malträtiere, wird er mir noch lange erhalten bleiben.

Sehen Sie.

Sehen Sie doch.

Wie schön der Mantel fällt.

Der Schnitt ist zeitlos.

Ich erinnere mich, wie gut er ihr stand.

An die Geräusche des nassen Stoffs, wenn sie ihn auszog.

Das war das Schönste.

Ein leises Quietschen.

Die Kapuze.

Die Kordel.

Und gleich neben der Kordel: ihr schlanker Hals.

So jung.

So jung.

 

(c) Rowohlt Theaterverlag
Hamburger Str. 17
D–21465 Reinbek bei Hamburg

 

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