Theater der Zeit, Dezember 2007

Kampf in neun Runden

Theaterhaus Jena: „Knock out“ von Katharina Schmitt
Regie: Heiko Kalmbach
Ausstattung: Marsha Ginsberg
 


(...) Indes ist Katharina Schmitts „Knock out“ kein romantisches Stück, Versuche der Selbstüberhöhung finden darin nicht statt. Es hält größtmögliche Distanz zur RAF und betrachtet durch den Kunstfilter nicht deren historische Substanz, sondern über den konkreten Fall hinausweisende abstraktere Strukturen an der „Grenze zwischen Kampf und Terror“ (Schmitt). Inspiriert war es von neun der fünfzehn Bilder aus Gerhard Richters Zyklus „18. Oktober 1977“; die Szenen tragen entsprechend die gleichen Titel: „Jugendbildnis“, „Gegenüberstellung“, „Zelle“

(...)
Doch dieser Kampf hat neun Runden und wird dabei immer stärker. Hutmacher und Titzmann schlagen sich verbal ein ums andere Mal die Fresse ein, in wechselnden Konstellationen. Selig ist der Unterlegene, denn: „Das K. o. ist das Beste am Kämpfen“, sagt einmal ein flüchtiger Terrorist. Hoch spannend ist der über Bande geführte Wortwechsel in „Gegenüberstellung“, wenn das Opfer die Täterin nicht wieder erkennen will und sie damit ins Aus befördert. In „Plattenspieler“ erniedrigen sich beide in einer Art Terroristencasting zu willfährigen Tanzmäusen und sind unglaublich dankbar für den Drill, der ihnen das Bewusstsein zerfetzt. Und in „Tote“ findet der einstündige Abend seinen Höhepunkt, bei einem Komm-her-lauf-weg-Spiel zwischen Gefangener und Wächter; sie jagen und sie suchen sich, mit dem Ortswechsel geht ein Rollentausch einher, man kämpft um einen Galgenstrick, der für beide zu spät kommt.
Die Inszenierung erreicht mit ihren beiden hoch konzentrierten, den analytischen Blick wahrenden Schauspielern große Transparenz, man sieht Kämpfer und Kommentatoren in einem. (...) 

[Michael Helbing]



Kunststoff Dez., Jan., Feb. 2008:

Die Kinder des deutschen Herbstes
30 Jahre nach dem Höhepunkt des RAF-Terrors ist das Trauma der jungen BRD noch immer lebendig. Die junge Autorin Katharina Schmitt erarbeitete daraus eine Meditation zu Terror und Kampf, die Heiko Kalmbach in der Uraufführung am Theaterhaus Jena mit kalter Schärfe inszeniert hat.

Das Theaterhaus Jena macht sich seit einiger Zeit einen Namen mit jungem Theater. Das macht sich nicht nur am niedrigen Durchschnittsalter des Publikums sondern auch an der hohen Anzahl von Uraufführungen in der laufenden Spielzeit bemerkbar. Ebenso ist das Angebot einer Schreibwerkstatt in Verbindung mit der Verleihung des Michael Reinhold Lenz-Preises der Stadt Jena Teil des Konzepts, das ganz auf die Förderung junger Dramatik ausgerichtet ist. „Knock out“, das Stück der Preisträgerin von 2006, Katharina Schmitt, ist nun zu Beginn der Spielzeit uraufgeführt worden.
Regisseur Heiko Kalmbach kann sich in seiner Inszenierung ganz auf die suggestive Wirkung des Textes verlassen. Wenn zu Beginn auf drei kalten Betonwänden nur das verzerrte Videobild eines bleichen, angstverzerrten Gesichts zu sehen ist, dann können Entführerin und Opfer ruhig in ihrem Versteck sitzen bleiben, während die eigentlichen Bilder im Kopf des Zuschauers ablaufen. Der stete Rückgriff des Textes auf Kindheitserinnerungen und –spiele, der sich in Spieluhrmusik und Kinderlachen verdoppelt, rückt das Geschehen ganz nah an den Zuschauer heran – und das, obwohl es um eine Minderheit geht, die sich ebenso auserwählt wie von der Gesellschaft ausgestoßen wähnt: Terroristen, Kämpfer, Mörder.
Autorin Schmitt greift mit den neun Überschriften zu ihren Szenen Gerhard Richters 15-teiligen Bilderzyklus „18. Oktober 1977“ auf und entwickelt daraus einen Szenenreigen, der die Geschichte der RAF und des deutschen Herbstes als Ausgangspunkt nimmt für eine Meditation über Opfer und Täter, über die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Zerstörung durch die anarchistische Gewalt des Terrors. Die junge Autorin geht aber noch eine Ebene tiefer und zeigt die Machtspiele, die den alltäglichen zwischenmenschlichen Umgang miteinander prägen. Dabei verstehen es die beiden Schauspieler Zoe Hutmacher und Gunnar Titzmann hervorragend, in ständig wechselnde Rollen zu schlüpfen, in denen keinesfalls sofort klar ist, wer Opfer und wer Täter ist. Ob es sich dabei um die bräsige Ignoranz eines gleichgültigen Gefängniswärters gegenüber seiner besorgten Kollegin handelt, um die Kämpfe zwischen Vater und Tochter oder Räuber und Gendarmen – es scheint, dass Macht und Gewalt, Regeln und Angst die Basis einer Gesellschaftsordnung sind, gegen die die Terroristen kämpfen wie trotzige Kinder.
Marsha Ginsberg hat dazu ein schlichtes Bühnenbild aufgebaut mit Blättern, die etwas zu plakativ auf den deutschen Herbst hinweisen, einer Tür, die sich nie öffnet, und einem Holzverschlag, dessen Wand zum zweiten größeren Raum schon zu Beginn mit Gewalt aufgebrochen wird. Ansonsten ist es eine hermetische Welt, in der sich die beiden Schauspieler wie Gespenster bewegen, sich gegenseitig mit der Live-Kamera beobachten oder ganz auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers zurückgeworfen sind, in der Isolation einer Gefängniszelle. So beklemmend erscheinen die Monologe der Figuren, so gewaltsam dringen die Bilder von Folter, Wahnsinn und Zerstörung in die Ohren der Zuschauer, dass es wie eine Befreiung wirkt, wenn in der vorletzten Szene Zoe Hutmacher als Terroristin mit der Pistole ins Publikum zielt und man trotz der Bedrohung aufatmet: endlich ein Mensch, ein gegenüber!
Doch welche Verbindung besteht nun zu Richters Bilderzyklus vom Schicksalstag der RAF, auf den die Titel der neun Szenen beständig verweisen? Es ist die Offenlegung der künstlerischen Filter, durch die Text und Inszenierung das historische Geschehen verarbeiten, und damit erträglich machen. Schmitts klare Sprache und Kalmbachs kongeniale Umsetzung lassen dabei eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen gerade dadurch zu, dass sie die verstörende Gedankenwelt des Terrors in ihren gesellschaftlichen Zusammenhang stellen, statt sie mitsamt den Tätern in Gefängnisse wegzusperren. Das ist bisweilen provokant bis verstörend, aber es zeigt, wie Theater einen genaueren Blick auf eine Diskussion werfen kann, die in den Medien noch immer vor allem emotional geführt wird.
[Florian Schetelig]

Thüringische Landeszeitung, 02.11.2007

Räuber und Gendarmen


Jena. (tlz) Dunkelheit. Ein Schrei. Dann eine gepresste Stimme: "Wir haben als Kinder immer Räuber und Gendarm gespielt ... Erinnern Sie sich nicht an dieses Spiel?" - "Nein", erwidert sie kalt. Ein Video schweift über Beton, man sieht, aus nächster Distanz gefilmt, einzelne Haare. Jemand streichelt sein wehrloses Opfer. Die Stimme des Opfers, vor Angst und Hoffnung bebend: "Am Ende gewinnt stets die Polizei. Sie nehmen die Räuber fest, schlagen oder töten sie. So geht das Spiel ..." - "Warum schießen die Räuber nicht?" fragt die Täterin irritiert. - "Das wäre gegen alle Regeln."

"Jugendbildnis" heißt die erste von neun Szenen, die dem Bilderzyklus "18. Oktober 1977" von Gerhard Richter nachempfunden sind. Der Maler hatte mit seinen elf Jahre nach dem "Deutschen Herbst" entstandenen Presse- und Polizeifotos nachempfundenen, düsteren Gemälden die Ereignisse um die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe im gesellschaftlichen Bewusstsein gehalten. Von der heimtückischen Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer bis zum kollektiven Selbstmord der inhaftierten RAF-Terroristen reicht das Spektrum. Fast zwanzig Jahre später nimmt sich die 28-jährige Katharina Schmitt des Themas an. Ihr 2006 mit dem Lenz-Preis der Stadt Jena gewürdigter Szenen-Zyklus "Knock Out" wurde am Donnerstagabend im Theaterhaus Jena uraufgeführt.

 "Es gibt Regeln!" Die Worte schleifen sich an der Betonwand ab, die ein mit Laub bedecktes, zum Publikum offenes Karree begrenzt (Bühne Marsha Ginsberg). Terror, in wessen Namen auch immer, setzt sie außer Kraft. Gleichzeitig lösen sich die "humanen" Ziele in Illusionen auf. Ausweglosigkeit, die in den Tod führt. Schmitt hat beide Seiten, Opfer und Täter, Terroristen und Beamte, im Blick. Mit ihren Dialogen zeichnet sie Situationen nach, fragt nach Ursachen und zeigt, ohne zu moralisieren, die Folgen. Gerhard Richters fotografische Maltechnik und Katharina Schmitts dokumentarischer Rigorismus findet in Heiko Kalmbachs Inszenierung eine kongeniale Umsetzung. Als Videokünstler hat Kalmbach im Theaterhaus bereits mehrfach seine Visitenkarte abgegeben, jetzt überrascht er mit einer raffinierten Synthese aus Live-Video und Schauspiel.

 Der Kampf geht über neun Runden. Zoe Hutmacher und Gunnar Titzmann tauschen permanent die Seiten, die Rollen, und das Geschlecht. Ob bei der "Festnahme", der "Gegenüberstellung", den Suiziden in der Zelle - immer ist die Handkamera zugegen. Kalmbachs Bilder sind wie die des Malers in atmosphärischen Grautönen gehalten und entfalten durch ihre latente Unschärfe eine hohe Ambivalenz. Allzu Grelles wird vermieden, Verborgenes ans Licht geholt.

 Vorurteile, Rechthaberei, Zynismus und Verunsicherung. Das Opfer, das, um zu vergessen, den Täter verleugnet. Die Ehefrau des Erschossenen, die sich tapfer zum Tatort chauffieren lässt. Der Gefängniswärter, der vor Tatsachen die Augen verschließt.

 Entsetzen, Angst, Mitleid, Trauer - ein gespenstischer Reigen der Gefühle. Mal wirbelt das Herbstlaub im Fahrtwind, mal klebt es den Schauspielern im Haar oder an der Unterwäsche. Der Terror-Drill im Keller - eine erotische Tanzeinlage (Choreografie Antonio Cerezo). Selten sah man Jenaer Theaterhaus-Akteure in so verstörend intensivem Zusammenspiel.

 Nach anderthalb Stunden schließt sich der Kreis: Der Bestatter sieht sich beim Einüben der Trauerrede von seinem spielenden Kind gestört und züchtigt es. Strafe muss sein. Eine Puppe fliegt durch die Luft. Das Kind sucht sich seine Nische, spielt Räuber und wird, womöglich, einmal auf Gendarmen schießen. Ein Schluss, der Fragen aufwirft. Eine Inszenierung, die Maßstäbe setzt.

[Frank Quilitzsch]

Nachtkritik, 01.11.2007:

Knock out – ein neues Stück von Katharina Schmitt am Theaterhaus Jena zum Thema "Deutscher Herbst"

Die Sinnlichkeit der Sinnlosigkeit

Jena, 1. November 2007. Der Himmel ist offen und leer über den grauweißen Grobputzwänden einer Zelle, deren sandiger Boden mit Herbstblättern übersät ist. Die Figuren und Schraffuren der Filmbilder, die auf die Rückwand geworfen werden, wirken grau und düster dumpf. Die Szene der Uraufführung von Katharina Schmitts "Knock Out" am Theaterhaus Jena (Bühne: Marsha Ginsberg, Video: Heiko Kalmbach) verstrahlt die gleiche trostlose Hoffnungslosigkeit wie die auf Vorlagen von Polizei- und Medienfotos beruhenden fünfzehn Bilder von Gerhard Richters Zyklus "18. Oktober 1977".
Richters Bilder liefern keine Erklärungen, kein Urteil, keine eindeutige politische Haltung zum "Deutschen Herbst", zu den Selbstmorden in Stammheim nach der Befreiung der Lufthansamaschine "Landshut". Sie bewegen sich im Grenzbereich zwischen diffuser Trauerarbeit und deren ästhetischer Konsumierbarkeit (mit einem christusgleich erschossen am Boden liegenden Andreas Baader, mit einer toten Ulrike Meinhof, bei der die Würgemale des Strickes zu sehen sind).
Die Mechanismen von Kampf und Terror
Katharina Schmitt nimmt für ihr Stück neun von Richters fünfzehn Bildern zur Vorlage. Nicht, um sie nachzustellen oder nachzuspielen, sondern um sie durch- und weiterzudenken. Es geht um die Suche nach Haltungen und Handlungen, gefragt wird weniger nach den Ursachen als nach den Mechanismen von Kampf und Terror. Man muss Richters Bilder nicht kennen, deren Titel den einzelnen Szenen vorangestellt sind. Doch mit ihrer Kenntnis erschließen sich die knappen Dialogszenen des einstündigen Abends leichter.
Regisseur Heiko Kalmbach treibt die beiden Schauspieler Zoe Hutmacher und Gunnar Titzmann, die alle Rollen spielen, kaum einmal in stärkere Aktion. Hier wird szenisch vorgedacht. Nicht statisch, sondern aus dem Rhythmus der Texte heraus. Von Texten, die klar und einfach sind. Die nicht poetisieren, sondern die den Zuschauer, den Zuhörer durch ihre klare Einfachheit in die Konzentration zwingen. Gelegentlich etwas atmosphärische Musik und zuweilen Live-Videos der Agierenden, Argumentierenden – mehr braucht der Regisseur nicht für seine Versinnlichung von Schmitts Dialogen.
Räuber und Gendarm
"Jugendbildnis" heißt die erste Szene: ein Gespräch und Verhör, von klatschenden Folter- oder Kindheitsschlägen untermalt. Da versucht sich jemand seiner Kinderspiele und deren festen Regeln zu vergewissern, gegen ein anderes, (be)herrschendes Ich, das diese Spiele ("Blinde Kuh", "Räuber und Gendarm") nie gespielt haben will. Ein Dialog um Macht und Unterdrückung und das Befolgen von gesellschaftlichen Spielregeln, im Off beginnend und in der Dynamik von Videogroßaufnahmen des Sprechenden gipfelnd.
"Festnahme" zeigt dann schon, wie die Illusion scheitert, der Gesellschaft davonlaufen zu können, statt ihr entgegenzutreten. Der sich dies mit dem Mikrofon in der Hand einredet, wird auf düsterer Bühne von einer Frau (die wechselnden Geschlechter spielen keine Rolle), deren Stimme aus der Flüstertüte mechanisch und kalt klingt, mit einer kleinen Lampe verfolgt. Dabei berühren sich die Figuren an diesem Abend nicht, sie bleiben sich stets fern, halten sich einander vom Leibe.
Tanz der Terroristen
Die weitgehende Fraglosigkeit von Katharina Schmitts Dialogen (die Autorin gewann mit dem Stück den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis der Stadt Jena) ist zugleich Stärke wie manchmal auch Schwäche ihres Stückes. Das im Bild "Tote" seine stärksten Momente besitzt. Da wird über ein Päckchen geredet, mit dem an der Kontrolle vorbei ein Strick ins Gefängnis kam. Wenn hier, mit wechselnden Positionen im Raum und auf den Wänden, über Selbstmord geredet und dabei auch an Mord gedacht wird, dann muss das konsequenterweise in die Einsicht der Gefangenen münden: "Ich bin schon lange tot."
In der Szene "Plattenspieler" stellt der Regisseur die Ausweglosigkeit des Handelns der Terroristen szenisch eindrücklich aus. Baader soll in seinem Plattenspieler eine Pistole versteckt gehabt haben. So bringt auf der Bühne der Plattenspieler die Terroristen zum (revolutionären) Tanz, der zum Drill in einem Ausbildungscamp wird. Wieder und wieder beginnen sie den Tanz von vorn. Da tritt etwas auf der Stelle in wilder Bewegung, das in die Freiheit will: gezeigt wird die Sinnlichkeit der Sinnlosigkeit.
All das ergibt zwar noch kein großes Stück und keinen großen Theaterabend, doch die konzentrierte Ernsthaftigkeit von Stück und Inszenierung nehmen ein für beide. Eingebettet in das kleine Jenaer Festival "Heißer Herbst", neben Vorträgen, Diskussionen und Aktionen, ist der Abend richtig am Platz.
[Hartmut Krug]

Ostthüringer Zeitung, 02.11.2007:

Tanz des Terrors. Katharina Schmitts "Knock out" erlebt im Theaterhaus Jena eine eindringliche Uraufführung


Er ist ein Kumpeltyp, der seine Mitarbeiterin ständig stupst, wenn er etwas erzählt. Sie ist eine ängstliche Beamtin. Sie hört Geräusche, sieht Schatten. "Jemand hat sich aufgehängt", ist sie sich sicher. Er wiegelt ab: "Hier kann sich niemand unbemerkt aufhängen". Die baumelnden Füße, die an die graue Wand projiziert werden, scheinen ihr Recht zu geben.

"Erhängte" ist eine von neun eindringlichen Szenen, die Katharina Schmitt in ihrem am Donnerstag in Jena uraufgeführten Terroristen-Stück "Knock out" beschreibt. Gerhard Richters RAF-Bilderzyklus "18. Oktober 1977" diente ihr als Vorlage. Inspiriert davon, findet die Autorin zu eigenen, für sich stehende Szenen, die nur entfernt auf die Gräueltaten der RAF, die Festnahmen und Selbstmorde ihrer führenden Mitglieder anspielen. Ein Entführungsopfer etwa verleugnet in der Szene "Gegenüberstellung" bewusst seinen brutalen Kidnapper. Denn erst über die offizielle Anerkennung kann die Tat öffentlich wirken. Erst dann wird die Tagesschau berichten. Die Tat, weiß das Opfer, "ist sinnlos ohne mich".

Wut, Gewalt und Terror steckt in jedem Menschen, auch das erzählt die mit dem Lenz-Preis der Stadt Jena ausgezeichnete Textcollage. Da verprügelt der Vater seine Tochter. Und da erniedrigen sich die Terroristen sogar gegenseitig, obwohl sie doch angeblich für eine neue, so viel bessere Weltordnung kämpfen.

Dieser etwas zu plakativ geratenen Szene nimmt Regisseur Heiko Kalmbach die herausgestellte Moral. Die jungen Bewerber für Selbstmordkommandos werden nicht, wie im Bühnentext angelegt, militärisch gedrillt. Sie müssen tanzen. Wie bei einer Castingshow zeigen die halbnackten Rekruten zu Popmusik eine Choreografie, die dem Meister missfällt. Also noch mal von vorn. Erst nach der dritten Präsentation erteilt der den Auftrag: "Kannst morgen einen Rucksack in der U-Bahn abliefern. Man wird dich sofort festnehmen, Null. Journalistenfutter. Brauchen wir auch, Futter."

So kraftvoll Katharina Schmitts Sätze, so konsequent übersetzt sie Kalmbach in Bilder. Immer wieder lässt er dazu die Kamera mitlaufen. Spricht eine inhaftierte Terroristin zum Beispiel über Einsamkeit und soziale Isolation in der Einzelhaft, erscheint ihr Porträt gleich dreifach an den Wänden des zellenartigen Bühnenraumes.

Kraftvoll ist auch das Spiel der zwei Schauspieler. Energiegeladen, wandlungsfähig, überzeugend, wie es die verschiedenen Figuren einfordern. Als eiskaltes Terroristenmädchen zielt Zoe Hutmacher mit der Pistole ins Publikum. Als einfältiger Junge tanzt Gunnar Titzmann um seinen Attentatseinsatz. Als harsche Witwe fordert Hutmacher Durchlass zur Leiche ihres Mannes. Als doppelgesichtiger Bestatter brüllt Titzmann seine Tochter an. Das alles geschieht zwischen braunem Bühnenlaub. Ein düsteres poetisches Bild für den Deutschen Herbst.

Hier trifft eine vielversprechende Autorin auf einen phantasievollen Regisseur und sehr genaue Schauspieler. Wirklich sehenswert.
[Ulrike Merkel]

Allgemeiner Anzeiger, 07.11.2007:

Theaterhaus eröffnet mit »Knock Out« das Festival »Heißer Herbst«
Terroristen sind überall


Jena (AA). Die Bühne ist überschaubar. Da steht ein grauer Bunkerbau mit einem verschlissenen Waschbecken an der Wand. Überall liegt buntes Laub. Es ist also Herbst. Nein, es ist »Deutscher Herbst«. Und ein ganzes Land spielt mit. Im Theaterhaus dauert das 80 Minuten. »Die Terroristen sind überall« sagt die Frau (Zoe Hutmacher). Sie wirkt gefasst und redet gefühllos über ihre Empfindungen, obwohl ihr Mann gerade einem Attentat zum Opfer fiel. Sie sagt: »Jetzt ist er tot – und ich bin tapfer.« Denn die Attentäter sind für sie die Verlierer. Doch so einfach ist das nicht.
Denn das Stück »Knock Out« der Lenz-Preis-Trägerin Katharina Schmitt nutzt zwar als Inspiration den Bilder-Zyklus »18. Oktober 1977« des berühmten Malers Gerhard Richter über den westdeutschen Mythos um den RAF-Terror und seine Bekämpfung. Allerdings gegen Schmitts Text und die stringente Inszenierung von Heiko Kalmbach weiter. Gemeinsam mit dem Publikum begeben sie sich auf die Suche nach den Motiven der Täter und den Gefühlen der Opfer. Und sie zeigen, wie dünn die Grenze zwischen Terror und gerechtfertigten Widerstand sein kann.
Gunnar Titzmann und Zoe Hutmacher spielen die Hauptdarsteller in diesem beängstigenden Kammerspiel. Dabei wechseln sie in den insgesamt neun Szenen immer wieder die Charaktere und damit die Perspektive. Der Zuschauer kann so nie einen eindeutigen Standpunkt beziehen. Das macht die Spannung aus, die in dieser Spielzeit die bisher interessanteste Inszenierung am Theaterhaus ist. Das hat viele Gründe. So feiert die Schauspielerin Zoe Hutmacher in »Knock Out« ein furioses Debüt auf der Jenaer Bühne. Ihre Darstellung einer gefangenen Terroristin, die zwischen prahlerischer Selbstgerechtigkeit und persönlichem Zweifel schwankt, wirkt großartig. Als Partner agiert dazu routiniert Gunnar Titzmann. Beide Schauspieler nutzen immer wieder Kameras, um die Wirkung der Texte zu erhöhen. Dazu kommen die Video-Sequenzen, die Regisseur Kalmbach geschickt zwischen die einzelnen Szenen einbaut und damit den nächsten Teil der Aufführung ankündigt.
Die Terroristin nimmt sich am Ende das Leben. Obwohl der Wärter behauptet: »Sie haben kein Recht auf Selbstmord!“ Das  Grab nutzt das Kind als Versteck. Das Mädchen fürchtet seinen Vater.
[Frank Brauer]