Wollen Sie auf mich einschlagen?

Kunststoff Kunst- u. Kulturmagazin, Ralph Gambihler, Nr. 2/10 vom 14.04.201

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Bei Katharina Schmitt ist aus der spätromantisch durchglänzten Novelle ein faszinierend präzises Sprachuhrwerk voller Lakonie und Unterschwelligkeit geworden. Motive und Hauptfiguren wurden eher frei adaptiert. Die Handlung atmet nur noch den Geist von vorgestern: Severin von Kusiemski, ein Feingeist von Ende 20, und die jüngere, bildschöne und früh verwitwete Wanda von Dunajew lernen sich in einem Kurhotel in den Karpaten kennen. Severin ist sofort entflammt, verfällt Wanda, umschmeichelt sie, bedrängt sie und fragt mit Goethe ohne Umschweif: „Ich will Amboss sein. Wollen Sie auf mich einschlagen?“

„Im Pelz“ ist ein Psycho-Kammerspiel über Gewalterotik und Verabredungen in der Liebe. Von Ferne erinnert das Stück an Jean Genets „Zofen“, ein wenig vielleicht auch an die Spielchen von Merteuil und Valmont in Heiner Müllers Laclos-Adaption „Quartett“. Johannes Schmit, einer aus dem jungen Regie-Kollektiv der Centraltheater-Nebenbühne Skala, hat diesen fein gewobenen, hoch sensorischen Text mit strengen Setzungen und sublimem Witz zur Uraufführung gebracht. Etwaige Erwartungen an eine schrille SM-Ausschweifung unterläuft er mit konzentrierten, leise knisternden Dialogszenen. Die Fetische Pelz und Peitsche kommen eher ironisch zum Einsatz, an der Bebilderung von Gewalt ist der prickelnde Abend nicht interessiert. 

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Ralph Gambihler

Reizvolle Pein: „Im Pelz“ ist nicht nur flauschig

Die Uraufführung von „Im Pelz" ist eine Huldigung an den einst gefeierten österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (27.1.1836-9.3.1895) und beschäftigt sich eindringlich mit den sich entwickelnden und wandelnden Machtverhältnissen zwischen Menschen. Den Text dazu lieferte Katharina Schmitt, die Lenz-Preisträgerin 2006, als Auftragsarbeit der Leipziger Skala, wo Regisseur Johannes Schmit ihn bemerkenswert in Szene setzt. Auch dank starker Darsteller und einer raffinierten Bühnengestaltung.   

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Eines aber ist völlig klar: „Im Pelz" ist nicht nur flauschig, sondern absolut sehenswert. 

H.G. auf www.kultur-szene.de

SÄUSELN IN ATTRAPPEN
Stück, Inszenierung, Bühnenbild, Schauspieler: Bei der Uraufführung von "Im Pelz" in der Skala stimmt einfach alles
Ein Mann macht sich einer Frau per Vertrag zum Sklaven: In der Skala feierte am Mittwoch "Im Pelz" von Katharina Schmitt Uraufführung, nach Motiven der Novelle "Venus im Pelz" von Leopold von Sacher-Masoch. Eine bemerkenswerte Inszenierung eines spannenden Stücks, voll kalter Sinnlichkeit.
 
Die Stückautorin Katharina Schmitt hat im Auftrag der Skala und inspiriert von Motiven Sacher-Masochs ein Stück mit großer Analyse-Kraft über Verabredungen, Verträge in Partnerschaften geschrieben. "Ich, Severin von Kusiemski, verpflichte mich hiermit, für die Dauer von sechs Monaten der Sklave von Wanda von Dunajew zu sein", dieser Satz wird in ihrem Stück wie ein Mantra wiederholt. In dieser Beziehung ist alles geregelt, von den Arbeitszeiten bis zur Kleidung (für sie: Pelz). So wird das Gewaltspektakel zur Bürokratie - eine spannende Idee und ein weiteres Beispiel dafür, wie gekonnt hier Erwartungen gebrochen werden. 

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Am Ende erfüllt Wanda Severin seinen größten Wunsch und heilt ihn gleichzeitig von seinen Gelüsten: Sie überlässt ihn einem Nebenbuhler, der bei Schmitt ein ebenfalls bepelzter Eisbär ist. Wundervoll, wie ein pomierter Matthias Hummitzsch, der einem Kabarett aus Schwarz-Weiß-Filmen entstiegen scheint, seine Rolle und Haltung übertrieben betont. So erscheint die am Ende angedeutete Auspeitschszene amüsant, wie das Spiel unbedarfter Kinder. Weder versaut noch lächerlich. Das ist schon eine Leistung. "Zeit totschlagen im Kurhotel", heißt es an einer Stelle im Stück. Vielleicht ist dieses Spiel tatsächlich nur dazu da, um die Ennuie, die Langeweile, zu versklaven. 
 

Nina May

Im Zwischenreich der Imaginationen  

 

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"Im Pelz" ist eine kühle Fantasie über Sado-Masochismus, ein Psycho-Kammerspiel für drei Personen, vorgetragen im Flüsterton. Manchmal erinnert der Text ein wenig an die Spielchen von Merteuil und Valmont in Müllers Laclos-Adaption "Quartett". Mit dem grellen Herr-und-Sklave-Auftritt von Pozzo und Lucky in Becketts "Warten auf Godot" hat er eher nichts zu tun.

Zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung, die eigentlich mehr ein Gespräch über mögliche Handlungen ist, wird ein Vertrag zwischen einem Mann und einer Frau. Severin will die von ihm angebetete Wanda dazu überreden, ihr als Sklave dienen zu dürfen. "Ich will Amboss sein. Wollen Sie auf mich einschlagen?" Wanda will zuerst nicht. Bis sie dann doch Gefallen an ihrer Rolle findet. Es kommt zu einem Vertragsschluss, der die Bedingungen und Grenzen der Beziehung streng sachlich regelt, von der zeitlichen Inanspruchnahme bis zur Kleiderfrage (Pelze!). Und sowieso bleibt man beim förmlichen "Sie".

Keineswegs das Stück zur Novelle

Katharina Schmitt setzt sich in ihren Stücken immer wieder mit Gewalt und Machtverhältnissen auseinander. In Knock out, einem von Gerhard Richters Bilderzyklus "18. Oktober 1977" inspirierten, im Kontext der RAF angesiedelten Text, für den sie 2006 den Lenzpreis der Stadt Jena gewann, geht es um Anziehung, Kampf und Terror. In Platz der Republik kreist alles um ein fiktives Attentat auf den französischen Premierminister. "Im Pelz" ist in dieser Linie zu sehen, allerdings bleiben konkrete politische oder utopistische Kontexte diesmal ausgeklammert. 

Anders gesagt: Katharina Schmitt packt die Peitsche nicht wirklich aus. Sie betrachtet die labile Balance in der Beziehung von Herr und Sklave auf kleinste Verschiebungen hin und fragt nebenbei, ob sich die Liebe überhaupt vertraglich regeln lässt in Rechte und Pflichten. Gegen Ende führt sie mit einem "Eisbären" einen irritierend fremdartigen Nebenbuhler ein, der das Beziehungsbild ins leicht Obskure verwackelt, zumal mit Spiegelungen und Wiederholungen, die sich nun überlagern.

Aus der Diskretion in die Ironie

Der Text ist faszinierend feinnervig und sensorisch, um den Preis einer hohen Künstlichkeit allerdings. Was Regie und Darsteller kräftig fordert. Johannes Schmit löst die Aufgabe elegant und packend, arbeitet mit Brechungen, choreographiert das Verhältnis im Raum, mogelt sich aber auch um eine entschiedene Haltung gegenüber dem Text herum. Er folgt zunächst dem distanzierten Blick der Autorin, dem entrückten, diskreten Geflüster im Zwischenreich der Imaginationen, um die Sache dann gegen Ende doch ins Ironische zu kippen. Manches arbeitet er in der Akustik ab, etwa szenenweise wiederkehrende Atem- und Schleckgeräusche oder die große Peitschorgie, die irgendwann doch noch stattfindet, hinter der Kulisse natürlich.

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Ralph Gambihler