Denkanstrengung fürs Publikum Die "Lange Nacht der Autoren" beendet die Autorentheatertage im DT
Doris Meierhenrich

Es geht ja immer nur darum, was man mit seiner Lebenszeit anstellt" flüstert es aus dem großen Halbrund der bis an die Brandmauern leeren Bühne. Auf ihr steht Samuel Finzi im Frack mit der eingefrorenen Miene eines vergessenen Kapellmeisters, es ist kurz nach Mitternacht. Bis hierhin haben einige hundert Menschen die vergangenen fünf Stunden ihrer Lebenszeit im Deutschen Theater verbracht, jeder mit seiner eigenen, gemischten Bilanz dieser "Langen Nacht der Autoren". Doch mit dem eiskalten Finzi-Blick im Frack zog sich der durchwachsene Abend plötzlich in diesem einen Moment zusammen.

Immer wieder raunte der "Lebenszeit"-Satz aus dem Off und mit ihm weitere Sprechfetzen, als hallten sie direkt aus Finzis Kopf. Wenig Text hat Regisseur Sebastian Hartmann von Katharina Schmitts Stück "Sam" übrig gelassen, doch das hat er so dicht, sarkastisch und radikal in Finzis Leidensmiene eingemeißelt, dass Schmitt sicher staunend vor der Bühne gestanden hätte, hätte die Aschewolke sie nicht in London festgehalten.

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Doris Meierhenrich

Experimente in der Ein-Mann-Kiste

von Anne Peter

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"Sam"

Den experimentellsten Zugriff und ein durchaus nervenzehrendes Finale bietet nach der dritten Pause der bis ein Uhr dauernden Langen Nacht der Leipziger Intendant Sebastian Hartmann mit der Interpretation des Mann-im-Käfig-Monologs "Sam". Damit bezieht sich die Autorin Katharina Schmitt auf das Selbstexperiment des New Yorker Künstlers Tehching Hsieh, der 1978-79 ein ganzes Jahr unter asketischen Bedingungen in einem 3,5 x 2,75 Meter großen Käfig verbrachte und stellt das Theater damit vor keine kleine Herausforderung.

Bei Hartmann lässt der befrackte Samuel Finzi in der Mitte des gänzlich leeren Bühnenraums nach Maestro-Art die Fetzen aus dem fiktiven Dialog mit dem voyeuristisch hungrigen Publikum aus dem Off auf- und abschallen. Jene Sätze, die er sagen würde, wenn er sich kein Schweigen auferlegt hätte, schleudert er dem Publikum mit mächtigen Armbewegungen entgegen – eine gewaltige Klanginstallation, die bis in den Brustkorb fährt. Nachdem er minutenlange Stille ebenso wie strömenden Bühnenregen ausgehalten hat, führt Finzi schließlich ein Lama auf die Bühne und erklärt dem Tier seelenruhig seine Kunst – wie einst Beuys dem toten Hasen.

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Anne Peter