Rätsel, engelsgleich

 

In Hamburg: Katharina Schmitts neues Stück "Jugendbildnis"

i(...) in den letzten Jahren ist im Theater eine Generation vor allem weiblicher Jungdramatikerinnen aufgetaucht, die für ihr halbes Leben eine ganze Sprache formen können. Darja Stocker und Laura de Weck sind da fast schon Veteranen, die neuen heißen Anne Lepper und Katharina Schmitt. Schmitt neues Stück "Jugendbildnis", das nun am Hamburger Thalia Theater in der Gaußstraße uraufgeführt wurde, handelt etwa von der Beschreibung einer toten Schülerin in den verfälschenden Erinnerungen ihrer Eltern, Freunde und Bekannten. Rekonstruiert wird mit diesen wetteifernden Zuschreibungen ein entrücktes Wesen, das sowohl engelsgleich wie teuflisch rätselhaft erscheint - je nach Perspektive. Und mit diesem Verfahren erzählt Schmitt letztlich weniger Biographisches aus dem Schüleralltag - was ein Jugendstück wäre - sondern untersucht die manipulative Bedeutung von Sprache, wenn sie sich zum Verschönern genötigt fühlt. (...)

Till Briegleb, Sueddeutsche Zeitung

Du sollst dir ein Bildnis machen

Eigentlich sieht man an diesem Theaterabend dem Entstehen einer Kunst-Installation zu: Im Innern des Zirkels, den die Zuschauer in der Garage im Thalia Gaußstraße bilden, hängt ein Ensemble aus Leuchtstoffröhren mit Haken. Nach und nach finden daran allerlei Gegenstände Platz, Erinnerungsstücke, die an eine namenlose Sie gemahnen sollen – und an denen sich vor allem die eigene Assoziation, die Geschichten des Betrachters entzünden: ein vergilbter Handschuh, ein geknülltes Taschentuch, ein Vierfarbstift, dessen Minen – bis auf die grüne – allesamt leer sind, ein Plastikregenmantel, ein Lippenstift…

Es sind sehr banale Dinge, die Katharina Schmitt in der Szenenfolge “Jugendbildnis”, entstanden als Auftragsstück für das Thalia Theater, als Zeugen eines auf unerklärte Weise verschwundenes Lebens anführt. Dinge ohne Merkmale oder individuelle Spuren. In jedem Krimi haben Lippenstiftreste und blutige Taschentücher mehr zu erzählen. Und auch das, was die drei Schauspieler (Marie Löcker, Nadja Schönfeldt, André Szymanski) dazu berichten, schwankt zwischen Unschärfe und Belanglosigkeit: Ein Kind auf Rollschuhen, mit Schultüte, roter Wollmütze. Eine Frau, die keine Geheimnisse hatte, aber jede Woche eine neue Haarfarbe.

Aber genau darum geht es in der knappen Szenenfolge, die Schmitt aus den Ergebnissen eines Jugend-Schreibworkshops destilliert und die Regisseur Benedikt Haubrich geschickt zwischen Performance und Installation ansiedelt: um die Unzuverlässigkeit der Erinnerung, die Austauschbarkeit der Bilder, die Klischees, die in jedem Lebenslauf wohnen. (...)

Ruth Bender, Die deutsche Bühne

Die Unsterblichkeit des Handschuhs

Hamburg, 18. Januar 2012. Ein Bild soll entstehen, eine Erinnerung bleiben. An eine Person, die verschwunden, vielleicht gestorben ist, an eine junge Frau. "Können Sie sie sehen? – Strengen Sie sich an" – heißt es immer wieder im Stücktext, einem "Theatertext in Gegenständen". Darin ruft die Autorin Katharina Schmitt die Abwesenheit jener einen Person durch die Anwesenheit verschiedenster Gegenstände in Erinnerung. Ob Vierfarbenstift, Handschuh, Stulpen, Spiegel, Schlüssel, Regenmantel oder Lippenstift: Sie alle erzählen einen Teil der Biografie jener Abwesenden und werden zu Erinnerungsstücken einer Ausstellung.

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Schmitts Figuren wollen die Materie bewahren: "Die Unsterblichkeit des Handschuhs in der Sammlung gegen die Sterblichkeit der Seele."

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Die Zuschauer sitzen für eine gute, kurzweilige Stunde im Kreis um das Geschehen, werden freundlich angespielt und sanft miteinbezogen und am Ende dann doch recht streng dazu aufgefordert, von sich selbst etwas abzugeben. Einen Schlüssel, einen Handschuh, ein Taschentuch? Was ist persönlich? Was austauschbar? Was bleibt? Was geht? Wer erinnert sich?

Katrin Ullmann, Nachtkritik