Romeo und Julia gegen den Mythos des romantischen Todes
Die junge deutsche Regisseurin Katharina Schmitt verlässt sich in ihrer rasanten Deutung des Stückes darauf, dass in der Einfachheit die Kraft liegt. Sie hat fast die Hälfte aller Figuren gestrichen (allerdings nur Nebenfiguren), den Text stark gekürzt und die große, von schwarzen Samtvorhängen gerahmte und dezent beleuchtet Zlíner Bühne mit nur zwei Gegenständen bestückt. Der dominantere von beiden ist die dreizehn Meter lange "Präparationspinzette" (vom Inszenierungsteam selbst so genannt), eine riesige Metallskulptur. Sie wird andeutungsweise zum Balkon, Versteck, Liebesnest, und im letzten Bild, umgedreht auf die Seite, zum Grab der Familie Capulet. Die Pinzette dreht sich auf der Drehbühne, ein Bild der verstreichenden Zeit, die den Liebenden zum Verhängnis wird. Der zweite Gegenstand ist unauffälliger: ein Eimer mit Wasser. In ihm bzw. durch ihn finden die Helden des Stücks ihren Tod - sie ertränken sich oder werden ertränkt. Dieser Schachzug der Regisseurin ist gut, auch als Polemik mit der unerträglich romantischen Inszenierungstradition dieses Stücks in Tschechien. Der junge Shakespeare schrieb ja keine rührselige Tragödie unglücklich Liebender, sondern ein spannungsreiches Drama über Kinder, die ihre erste Liebe unter dem Druck ihrer Umgebung nicht überleben. Die minimalistische und geradlinige Regie hebt die Stärken des Textes hervor. Eine so durchdachte und feine Inszenierung sieht man in Zlín nicht alle Tage.
MARCEL SLADKOWSKI, 12. 12. 2007

MARCEL SLADKOWSKI, Mladá fronta