Auszug: Bild 1

1. Käfigstück

 

Ich kann Ihnen nicht in die Augen schauen, bitte entschuldigen Sie.

Setzen Sie sich.

Bitte.

Setzen Sie sich.

Ich kann ihnen nicht in die Augen schauen, ich kann mich auch nicht zu Ihnen setzen, aber setzen Sie sich doch.

Der Boden wird Ihnen am Anfang vielleicht hart vorkommen, dennoch kann man hier sitzen.

Sie werden überrascht sein, wie gut es sich auf hartem Boden sitzt.

Ich persönlich stehe schon seit 3 Monaten.

Ich bevorzuge es, zu stehen oder herumzugehen.

Der Käfig misst 3,5 mal 2,75 Meter, ich gehe im Kreis oder im Viereck oder stehe.

Dabei schaue ich den Boden an oder die Holzwände oder mache gymnastische Übungen.

Ich muss aufpassen, dass ich mir den Kopf nicht am Bett stoße.

Danke für Ihr Kommen.

Lassen Sie sich bitte nicht von mir beunruhigen.

Ich bin andere Menschen nicht mehr gewöhnt.

Ich bin das Zusammensein mit anderen Menschen nicht mehr gewöhnt, ich habe in den letzten Monaten nur fünf Menschen für jeweils 20 Minuten gesehen, ich habe die letzten Wochen in kompletter Isolation verbracht, man entwöhnt sich schnell, wie schön, dass Sie hier sind.

Danke.

Vielen Dank für Ihr Kommen.

Sie können mich anfassen oder mir Fragen stellen, ich bin ein lebendes Ausstellungsstück.

Es geht ja immer nur darum, was man mit seiner Lebenszeit anstellt.

 

Möchten Sie mir eine Frage stellen?

Sitzen Sie gut?

Auf dem Boden vor ihnen ist eine Markierung.

Bitte überschreiten Sie diese Markierung nicht.

Bleiben Sie bitte dort stehen oder sitzen, wo Sie jetzt sind.

Es ist wichtig, dass dieser Abstand zwischen uns eingehalten wird.

Vielen Dank.

 

Jeden Tag kommt ein Bekannter, um ein Foto von mir zu machen.

Das bin ich auf dem Bett.

Das bin ich vor der Holzwand, links neben dem Käfigeingang.

Das bin ich vor dem Waschbecken, ich wasche mein Gesicht.

Diese Momente werden täglich festgehalten.  

Was tun Sie mit Ihrer Lebenszeit?

Was ist Ihre vorwiegende Beschäftigung?

Arbeiten Sie?

Schlafen Sie?

Haben Sie einen Partner?

Kinder?

Haustiere?

Haben Sie Vergnügen an ihrer Lebenszeit?

Das bin ich im Handstand vor der rechten Holzwand.

Das bin ich im Schneidersitz unter dem Waschbecken.

Das ist Holz.

Das ist Beton.

Ich bin zerstreut, bitte entschuldigen Sie.

Meine Gedanken schweifen von einem Ding zum nächsten.

Sie lassen sich schwer festmachen.

So sehr ich mich anstrenge, mir gelingt es immer schlechter.  

 

Verlautbarung:

Ich plane eine einjährige Performance.

Ich werde mich in meinem Studio in einer Zelle mit den Maßen 3, 5m x 2, 75 m x 2, 4m in Einzelhaft begeben.

Ich werde nicht sprechen, lesen, schreiben, Radio hören oder Fernsehen schauen, bis das Jahr vergangen ist.

Ich werde jeden Tag Essen zu mir nehmen.

 

Das bin ich neben der Tür.

Das bin ich in den der Mitte der Zelle, ich stehe auf einer Markierung.

Das Foto wird jeden Tag von der gleichen Stelle aus gemacht.

Das ist die Zahnbürste.

Das ist der Nagelclip.

Das ist die Glühbirne.

Das ist der Schwamm.

Diese Gegenstände umgeben mich ständig.

Seit Wochen habe ich die schlimmsten Kopfschmerzen.

Der Schmerz verläuft vom unteren Drittel meiner Wirbelsäule direkt bis zum meinen Schläfen.

Vielen Dank für Ihr Kommen.

Möchten Sie mir eine Frage stellen?

Nur zu, nehmen Sie sich nicht zurück.

Fragen Sie.

Lassen Sie sich nicht von meinem Aussehen beunruhigen.

Mein Aussehen ist Teil meiner Arbeit.

Auch mein Benehmen ist Teil meiner Arbeit.

Ich habe seit Monaten niemanden mehr in die Augen geschaut.

Ich sprechen mit niemanden, ich konsumiere keine Medien.

Und die Uniform dient meinem Aufenthalt hier, sie ist zweckmäßig.

Fragen Sie.

Was wollen Sie wissen?

Sicher haben Sie viele Fragen.

Sie haben die Poster gesehen, die mein Bekannter in Tribeca aufgehängt hat.

Oder Sie haben durch Freunde von meiner Arbeit gehört.

Sie sind neugierig geworden und in mein Studio gekommen.

Vielleicht interessieren Sie sich für Verschwendung.

Oder Sie interessieren sich für Isolation.

Sie haben voyeuristische Züge.

Sehen Sie:

Ich esse Seife.

Ich schlage meine Stirn gegen den Fußboden.

Ich ramme die Zahnbürste in mein linkes Auge.

Ich ritze mir mit der Klinge des Nageclips die Zunge auf.

Sehen Sie genau hin.

 

Bitte überschreiten Sie die Markierung nicht, bitte bleiben Sie, wo Sie sind.

Ich kann Ihnen nicht in die Augen schauen, verzeihen Sie bitte.

Sie sind ein neuer konkreter Gegenstand in diesem Raum.

Mich umgeben zurzeit 20 Gegenstände.

Das ist das Bett.

Das ist die Matratze.

Das ist die Decke.

Das ist der Kanister.

Das ist das Waschbecken.

Das ist der Spiegel.

Das ist die Seife.

Sie sind ein neuer konkreter Gegenstand in diesem Raum.

Ich bin mir sicher, dass das gegen die Kopfschmerzen helfen wird.

Ich muss mich nur an Ihre Anwesenheit gewöhnen.

Sobald ich mich an Ihre Anwesenheit gewöhnt haben werde, werden Sie als neuer konkreter Gegenstand in diesem Raum von meinen Kopfschmerzen ablenken.

Nicht, dass meine Kopfschmerzen von Bedeutung wären.

Natürlich sind sie nicht von Bedeutung.

Genau darum geht es.

Um die Bedeutungslosigkeit von Lebenszeit.

Glauben Sie an die Bedeutsamkeit Ihrer persönlichen Lebenszeit?

Wenn ja, woraus schließen Sie darauf, dass Ihre Lebenszeit bedeutsam ist?

Mein Blick auf diese Frage ist eher pessimistisch.

Man ist als Mensch sehr eingeschränkt in seinem Körper.

Aber ich bemühe mich, meine Lebenszeit zu organisieren.

Ich habe die Regeln für das Verstreichen dieses Jahres meiner Lebenszeit schriftlich festgelegt und notariell beglauben lassen.

Der Notar wacht über die Einhaltung der von mir für dieses Jahr festgelegten Regeln.

Der genau formulierten Regeln für das Verstreichen meiner Lebenszeit.

Ich habe mir lange Gedanken über diese Regeln gemacht.

Meine Lebenszeit ist die wichtigste Ressource meiner Arbeit.

Einmal am Tag kommt mein Bekannter, um mir Essen zu bringen und ein Foto zu machen.

Jeden Tag kratze ich mit meinem rechten Daumennagel eine Kerbe in die Käfigwand.

Das dauert etwa 10 Minuten.

Jeden Tag wird mein Haar auf den Fotos länger.

Vor drei Monaten noch hatte ich eine Glatze.

Man merkt sonst nicht, wie schnell Haare wachsen.

Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?

Sicher gehen Sie regelmäßig zum Friseur.

Das kann man gleich sehen, Sie haben eine Frisur.

Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich das bemerke.

Man kann das selbst von hier aus gut sehen.

Haare sind ein hervorragender Indikator vergangener Lebenszeit.

 

Sitzen Sie bequem?

Bitte.

Bitte bleiben Sie noch.

Ich freue mich, dass Sie hier sind.

Ich werde nicht mit Ihnen sprechen.

Ich habe seit Monaten mit niemandem gesprochen, Sie sollten das nicht persönlich nehmen.

Und dass Sie sich die Mühe gemacht haben, mich hier aufzusuchen, rührt mich.

Man muss natürlich seine Zeit immer irgendwie verbringen.

Trotzdem: mich rührt Ihre Aufmerksamkeit.

Das ist das Waschbecken.

Das ist die Wand aus Rigipsplatte.

Das ist der Spiegel.

Bitte bleiben Sie noch sitzen.

Gehen Sie nicht.

Ich kann Sie nicht ansehen, aber ich brauche Sie als Augenzeugen, bitte bleiben Sie.

Halten Sie noch ein wenig durch.

Das ist sind die Teebeutel.

Das ist die Glastasse.

Das ist meine Arbeit.

Ich bin 28 Jahre alt.

Ein Jahr in der Zelle kostet 10000 Dollar.   

Meine Lebenszeit verstreicht, ohne dass ich etwas herstelle.

Das ist das Bett.

Das ist das Kissen.

Verschwendung, könnte man meinen.

Wo bleibt das Produkt?

Das bin ich mit dem Kissen auf meinem Gesicht.

Ich ersticke mich einhändig.

Ich spreche nicht mit ihnen, aber ich stopfe mir das Kissen in den Mund.

Ich muss würgen.

Bitte sehen Sie nicht weg.

Bitte sehen Sie mir genau zu.

Sehen Sie bitte genau hin, ich bin außer Atem, ich würge.

Kunst ist eine Erscheinung in jeder Kultur.

Jede entwickelte Tätigkeit.

Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit.

Arbeit.

 

Ich stopfe mir das Kissen in den Mund.

Ich schlage meinen Kopf gegen die Wand.

Ich schlage meinen Kopf gegen das Waschbecken.

Ich schlage die Glastasse gegen das Waschbecken.

Ich esse die Scherben der Glastasse.

Die Scherben der Glastasse schneiden meine Mundhöhle und meinen Rachen auf.

Ein Jahr in einem selbst gebauten Käfig.

Produktivität.

Bitte überschreiten Sie die Markierung nicht.

Vielleicht denken Sie, dass ich leide.

Ich leide nicht, ich habe Vergnügen an meiner Arbeit.

Wenn ich kein Vergnügen an meiner Arbeit hätte, würde ich eine andere Arbeit machen.

Bei einer meiner letzten Arbeiten bin ich aus dem 3. Stock eines Hauses gesprungen.

Dabei habe ich mir zwei Knöchel gebrochen.

Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie heute noch, dass meine Arme bei manchen Bewegungsabläufen nicht so funktionieren, wie sie sollten.

Sehen Sie bitte genau hin.

Ich hoffe, Sie sitzen bequem.

Sitzen Sie bequem?

Kann ich irgendetwas für Sie tun?

Ich kann nicht mit Ihnen sprechen und ich kann Sie nicht anschauen, aber bitte sagen Sie mir gleich, wenn ich etwas für Sie tun kann.

 

Still ist es hier, nicht wahr?

 

Das ist der Zellenboden.

Das ist die Zellentür.

Das sind Gitterstäbe.

Das ist der Bettkasten.

Das sind die Kerben, die ich mit meinem Fingernagel in die Wand geritzt habe.

Das ist die Fußmarkierung.

Still.

Vor allem, wenn man bedenkt, wie laut die Straße draußen ist.

Daran erinnere ich mich gut.

Unglaublicher Verkehr.

Die lauteste Stadt der Welt.

Hier dann Stille.

Ich hoffe, Sie empfinden die Stille als angenehm.

Bitte überschreiten Sie die Fußmarkierung nicht.

Bitte halten Sie den vorgegebenen Arbeitsabstand ein.

Ihre physische Anwesenheit ist mir unangenehm.

Bitte nehmen Sie das nicht persönlich.

Bitte nehmen Sie das als Fakt.

Ich habe nichts auszudrücken oder zu beschreiben.

Ich habe nichts zu sagen.

Ich verstehe auch nicht, warum das, was ich zu sagen hätte, von größerem Interesse wäre als alles andere.

Selbst wenn Sie noch näher an mich heran kämen, würde das nichts ändern.

Ich werde sicher nicht mit Ihnen sprechen.

 

Einmal am Tag kommt mein Bekannter, um mir Essen zu bringen und ein Foto zu machen.

Das habe ich schon erwähnt, ich weiß.

Ich esse jeden Tag das Gleiche.

Rindfleisch mit Reis und Brokkoli.

Mir ist das natürlich ganz gleichgültig.

Einmal habe ich ihm die Schüssel mit Rindfleisch, Reis und Brokkoli an den Kopf geworfen.

Das hat mir leid getan, aber ich konnte mich nicht zurückhalten.

Ständige körperliche Bedürfnisse und Impulse.

Man verwendet Monate Arbeit darauf, sich von körperlichen Bedürfnissen und Impulsen zu befreien und endet damit, seinem einzigen Bekannten Essen an den Kopf zu werfen.

Der menschliche Körper ist eine Enttäuschung.

Mein Bekannter kommt jeden Tag vorbei.

Er kocht mir jeden Tag das gleiche Essen.

Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil so unsere Verabredung war.

Jeden Tag das gleiche Essen.

Die größtmögliche Eintönigkeit.

Der Bekannte macht auch die Fotos und bringt meinen Müll weg.

Wenn ihm etwas zustößt oder er das Interesse verliert, ist meine Arbeit ruiniert.

Es lässt sich nichts sagen über Isolation des Menschen ohne fremde Menschen.

Deswegen bin ich so froh über Ihren Besuch.

Vielen Dank für Ihr Kommen.

Ich rolle einen Strang aus meiner Bettdecke und knote eine Schlinge.

Ich stecke meinen Kopf zwischen Bettkasten und Matratze und drehe meinen Rumpf.

Ich esse das Federkissen und alles, was mein Fingernagel aus der Rigipsplatte herauskratzt.

Das bin ich auf der Fußmarkierung.

Mein Kopf im gleichen Winkel wie auf jedem anderen von der Fußmarkierung geschossenen Foto.

Es lässt sich nichts sagen über Isolation des Menschen ohne andere Menschen.

Mein Haar ist wieder gewachsen.

 

Bitte bleiben Sie noch.

Wenn Sie jetzt gehen, fehlt mir ein Augenzeuge.

 

(c) Rowohlt Theaterverlag
Hamburger Str. 17
D–21465 Reinbek bei Hamburg

 

 

 

 

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