Auszug: Bild 1 und 2 des Stückes

 
1. Jugendbildnis



Erste Frau:

Als Kinder haben wir blinde Kuh gespielt.

Sie kennen das vielleicht. Einem Kind werden

die Augen verbunden, die anderen

drehen den Blinden so lange im Kreis,

bis er nicht weiß, wo er ist, sie laufen

um ihn herum, schreien und flüstern.

Dann verstecken sie sich und der Blinde

muss sie suchen. Sobald der Blinde ein

Kind gefangen hat, kommt er frei. Die Kinder

aber verstecken sich zu gut, man kann

sie nicht finden mit geschlossenen Augen.

Der Blinde kriecht über die Wiese, er ruft

die Namen seiner Freunde, fühlt jeden Stein,

er fällt auf den Bauch, er muss von selbst aufstehen.

Er wartet auf ein Geräusch, er hört nichts.

Die versteckten Kinder sitzen im Gebüsch,

leise lachen sie über die blinde Kuh, dann

gehen sie nach Hause. Die blinde Kuh

bleibt allein zurück, sucht ihre Freunde,

fällt auf den Bauch, bis es Abend wird.

Erinnern sie sich an dieses Spiel?

 
Zweite Frau:

Nein.
 

Erste Frau:

Erinnern sie sich an dieses Spiel, sind

sie auch gefallen? Vielleicht nicht. Vielleicht

haben sie Räuber und Gendarm gespielt.

Die einen sind Räuber, die anderen Polizei.

Wer erschossen wird, steht von vorn an fest.

Die Räuber laufen, die Polizisten schießen.

Jeder nach seiner Rolle, so gut es geht.

Nur wenn die Räuber schnelle Läufer sind,

ist das Spiel von Interesse. Am Ende aber

gewinnt die Polizei. Sie nehmen

die Räuber fest, schlagen oder töten sie.

So geht das Spiel. Sind alle Räuber weg,

ist es vorbei.


Zweite Frau:

Warum schießen die Räuber nicht?


Erste Frau:

Das wäre ein anderes Spiel, das wäre

gegen alle Regeln, das ginge nicht.

Das Spiel hat feste Rollen, die Räuber

werden erschossen, nicht umgekehrt.

Was kennen sie für Spiele, wo kommen

sie her, haben sie mit Bauklötzen gespielt,

haben sie Türme gebaut aus Sand oder

Schlösser, sind sie Seil gesprungen, haben

sie verstecken gespielt oder fangen,

ich kann sie mir nicht vorstellen als Kind.



Zweite Frau:

Sie haben schöne Haare. Erzählen sie

weiter. Das beruhigt die Nerven. Die Kindheit.



Erste Frau:

Ich hatte eine Puppe. Sonst war ich allein.

Die Puppe habe ich unter meinem Bett versteckt,

niemand sollte sie sehen, sie war nur meine.

Sie sollte nicht weglaufen vor mir, das war

meine Sorge, ich konnte oft nicht schlafen

aus Angst, sie sei fort. Ich habe ihr abends

vorgelesen, ich habe ihr alles erzählt, ich

habe die Puppe an und ausgezogen, sie

gekleidet in den Farben meiner Kleider,

sie gefüttert, geküsst, geschlagen, getreten,

sie gewaschen. Ich habe sie gekämmt, wie sie

mich jetzt kämmen. Hatten sie auch eine Puppe?



Zweite Frau:

Nein. Wir haben nichts gemeinsam, sie

und ich. Weder heute noch damals.


Erste Frau:

Sie müssen auch ein Kind gewesen sein, vorher.

Sie müssen einmal ein Mädchen gewesen sein,

wie ich damals, soviel ist sicher.



Zweite Frau:

Ich kann mich nicht erinnern.


Erste Frau:

Erinnern sie sich nicht, oder wollen sie

das nicht mehr wissen. Was fragen sie

mich denn nach der Kindheit. Jeder hat

eine Kindheit, jeder spielt die Spiele.

Alle spielen die gleichen Spiele, überall

auf der Welt, auch Terroristen, das ist

sicher.


Zweite Frau:

Was ist sicher an einem Spiel?


Erste Frau:

Alles ist sicher an einem Spiel, es hat

Regeln, das müssen sie wissen, auch sie.



Zweite Frau:


Ich kann mich an kein Spiel erinnern, an keines.

Das ist ihr Pech, wie sie hier sitzen, oder ihr Glück.

Ich weiß es noch nicht, wir werden sehen.
 

Erste Frau:

Sie lügen doch. Sie haben das auch gespielt.

Sie hatten eine Kindheit wie ich, wie alle.


Erste Frau:

Sie lügen mich an. Sie lügen. Sie haben

das auch gespielt. Sie kennen die Regeln.

Die Regeln kennen alle. Sie lügen doch.

Sie lügen. Sie lügen. Sie lügen.

 

 

2. Festnahme



Mann:

Schneller, schneller noch, ich muss weiterlaufen.

Durch den U-Bahnschacht, durch den Tunnel, nur weiter.

WIR WERDEN SIE KRIEGEN, KRIEGEN SIE,

HABEN SIE GEKRIEGT. WIR SIND STÄRKER.

WIR HABEN BESSERE WAFFEN, BESSERE

AUTOS, UNS GEHT NICHTS DURCH, NIE, WIR SIND

DIE STAATSGEWALT, WIR SIND SOUVERÄN.

ES HAT KEINEN SINN, SICH VOR UNS ZU VERSTECKEN,

WIR SIND ÜBERALL, HÖREN SIE, ÜBERALL.

VERSTECKEN SIE SICH RUHIG, LEGEN SIE BOMBEN,

SO LAUFEN SIE DOCH, LAUFEN SIE, VOR UNS

KÖNNEN SIE NICHT WEGLAUFEN, WIR SIND IMMER DA.

Von wegen überall, ich laufe denen davon,

ich laufe, ich laufe, ich laufe, warum

bin ich so schnell, warum ist diese Straße

so eng, ich brauche mehr Platz für so viel

Geschwindigkeit, unter meinen Füßen verschwimmt

das Pflaster. Nur der Hinweg war mühsam, ohne den

Rucksack bin ich leicht, ich kann über die

Menschen hoch steigen, weiter nach oben, wo

niemand mich sucht. Alles ist da oben, auch der

Rucksack jetzt, der Sprengstoff, die Leute, mein Kopf,

meine Beine, ich sehe nichts mehr, meine

Füße sind zu schnell für meine Augen. VOR UNS

KÖNNEN SIE NICHT WEGLAUFEN, WIR SIND AUCH

HIER, VOR IHNEN, NEBEN IHNEN, UNTER

DEM PFLASTER, DAS JETZT VERSCHWIMMT, LEGEN SIE DIE

HÄNDE AN DEN HINTERKOPF, ES IST VORBEI.

Ich laufe weiter, das ist der Auftrag, laufe

weg, warum bin ich so schnell, warum steht ein Mann

vor mir und schlägt mich, ein schneller Kinnhaken,

warum kippen meine Beine nach hinten weg,

warum falle ich mit dem Kopf aufs Pflaster,

Knocked-out, K.o. wie ein lahmer Boxer.

Wo mein Kopf war, ist im Pflaster ein Loch,

ich werde mich in ihm verstecken, verschwinde

im Boden. Ich funktioniere nach Plan,

Auftrag ausgeführt, der Rucksack mit Inhalt

ist in der Luft jetzt, die Leute auch, der Tod

fürs Vaterland ist süß und ehrenvoll, alles

wird morgen in der Zeitung stehen, die Luft,

die Leute, der Rucksack, daneben ein

Fahndungsbild. Ich habe meinen Teil

beigetragen zur Verbesserung der

Welt, ich bin furchtbar müde. Wer nicht mehr

weiter kann, bleibt alleine zurück,

ich bin in der Minderheit, ich bin auserwählt,

ich muss schlafen, es ist gut, dass ich liege.

Über mich beugt sich ein Polizist, den

vergesse ich wieder, ich sehe ein schönes

Hotelzimmer, ich will in das schöne

Hotelzimmer gehen, ich öffne die Tür,

ich lege mich auf das Bett, hier ist Ruhe.

Keine Angst, keine Flucht mehr, ich kann lächeln, das

tut nicht weh, nur keine Angst mehr, keine Eile.

Niemand nimmt mich fest in diesem Zimmer,

ich bleibe in dem Zimmer, bleibe auf dem Bett.

Das K.o. ist besser als das Weglaufen,

das K.o. ist das Beste am Kämpfen, nach dem

Kampf. Auf das Kissen fällt durch das große Fenster

Licht, da muss ich meinen Kopf hineinlegen,

ausruhen lassen, bis er nicht mehr schmerzt.

Ich schließe die Augen, ich muss die Augen

schließen. Bis er nicht mehr schmerzt.


Polizist:

Haben wir sie.

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